Nachbemerkung¶
Die genannten Stationen der Realismusdebatte sind nur Beispiele aus einer weit umfangreicheren Diskussion, die nicht nur auf theoretischem, sondern glücklicherweise auch auf praktischem Gebiet ausgefochten worden ist. Ich habe mich auf einige wesentliche Beiträge beschränkt und dabei Entwicklungen im Dokumentarfilm außen vor gelassen.
Die Virulenz der Realismusproblematik für das Kino ist nur zu verstehen, wenn die gesellschaftliche Stellung des Mediums dabei mit berücksichtigt wird. Die Attraktivität der laufenden Bilder und die immense Reichweite des Kinos haben Fragen der Kunst aus dem Bereich des bürgerlich elitären Kunstgenusses mitten ins Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen gestellt. Die Kunstpraxis erhält ihre Fundierung auf die Politik, wie Benjamin es im französischen Exil ausdrückte. [1] Was bei Kracauer der anthropologische Sinn des Films ist, findet im Neorealismus in der sozialen Solidarität mit dem Publikum seinen Ausdruck und wandelt sich unter dem Einfluss Bazins und der Autorentheorie zur Verantwortlichkeit des Filmemachers in einem gesellschaftlich determinierten Produktions- und Rezeptionssystem.
Die moralische Implikation, die ethische Fundierung, auf der realistische Forderungen stets basierten, werden spätestens seit der politique des auteur in der Person des Autors subjektiviert. Und obwohl die Vergesellschaftung des Autors im Verlauf der Entwicklung Godards die Personalisierung wieder weitgehend aufgehoben hat, verliert der Begriff der Verantwortlichkeit eines Autors für sein Produkt und seine Auswirkungen nicht völlig an Bedeutung. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf Godards ›Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos‹, in der er rund zehn Jahre nach seiner Politisierung neben verschiedenen cinematographischen Fragen auch immer wieder seine Stellung als Autor diskutiert. [2]
| [1] | Vgl. Benjamin, Walter. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1963, S. 18. |
| [2] | Godard, Jean-Luc. Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. Hanser, 1983. |