Self-Publishing Tipps: Plain-Text rulez!

Seit 1988 schreibe ich meine Texte mit Hilfe eines Computers. Das sind 25 Jahre Erfahrung auf den unterschiedlichsten Betriebssystemen. In der Artikelserie ›Self-Publishing-Tipps‹ empfehle ich nicht die neuesten und coolsten Programme. Hier werden ein paar Weisheiten geteilt, die sich in einem Vierteljahrhundert angesammelt haben. In der ersten Folge geht es um Textformate.

Der erste Computer, den ich zum Schreiben nutzte, gehörte einem Freund. Es war ein Schneider Joyce Schreibcomputer. Mein erster eigener Computer war ein Atari 1040STF, der nach einigen Jahren durch einen Pentium-Rechner abgelöst wurde, auf dem ich zunächst NeXTStep und anschließend Linux installierte. 2006 kauft ich mir ein Apple Notebook mit dem Betriebssystem Tiger. Ein paar Jahre später folgte ein MacBook mit Snow Leopard. Und diesen Text schreibe ich an einem PC, der mit einem 64-Bit Linux läuft. Auf all diesen Rechnern und Betriebssystemen gab es unterschiedliche Schreibprogramme mit jeweils unterschiedlichen Dateiformaten. Ein Dateiformat blieb jedoch 25 Jahre lang identisch: Plain Text, auf Deutsch Klartext. Und da ich seit 1990 fast ausschließlich mit einfachem Klartext gearbeitet habe, kann ich heute noch Dateien problemlos lesen, die ich vor 23 Jahren zuletzt geöffnet habe. Lediglich die Zeichenkodierung muss manchmal angepasst werden. (Wenn ihr einen Text erstellt, wählt die Zeichenkodierung UTF-8). Wer heute eine Word-Perfect- oder Word-Datei aus den frühen 90er Jahren öffnen will, braucht dagegen gute Nerven.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Vim.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Vim.

Einfacher Text wird auch in 25, 50 oder 100 Jahren auf digitalen Systemen problemlos lesbar sein. Für einen Schriftsteller ist einfacher Text also eigentlich das ideale Textformat. Es gibt gefühlteine Millionen Texteditoren, mit denen man Plain Text bearbeiten kann. Plain Text funktioniert auf jedem Betriebssystem, heute und in 25 Jahren. Leider denken viele Schriftsteller nicht darüber nach, was mit ihren Texten in 25 Jahren passiert. Sie greifen zum erstbesten Programm, mit dem man Texte schreiben kann, und das ist leider immer noch Microsoft Word.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Atom.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Atom.

Mein Tipp für alle, die partout nicht auf Word verzichten können. Exportiert eure Werke in regelmäßigen Abständen als einfache Textdatei, damit ihr sie auch noch in 25 Jahren lesen und bearbeiten könnt.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Sublime Text.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Sublime Text.

Lasst die Finger von Programmen, die Daten in proprietären Formaten speichern. Ob diese Formate in 25 Jahren noch unterstützt werden, weiß kein Mensch. Mehr Sicherheit bieten offene Formate, die sich an internationale Standards halten. Open Document ist so ein Format. Es wurde nach ISO/IEC 26300:2006 zertifiziert. Open Document wird von diversen Programmen unterstützt, allen voran natürlich LibreOffice, in dessen Umfeld die Zertifizierung entstanden ist. Die Chance, dass es im Jahr 2038 Programme gibt, die eine OpenDocument-Datei einlesen können, sind gut. Sicher ist das aber auch nicht.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Emacs.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Emacs.

Nehmt auch kreative Schreibprogramme kritisch unter die Lupe. Sie benutzen zwar häufig Textformate, die schon seit Jahrzehnten existieren, wie eben Plain Text oder das unverwüstliche RTF. Aber sie bergen eine andere Gefahr. Um den kreativen Schreibprozess zu unterstützen, kann man in ihnen ein Werk in viele kleine Textdateien unterteilen, deren Reihenfolge man im Programm beliebig verändern kann. Scrivener ist so ein Programm, das ich selbst intensiv nutze und gerne uneingeschränkt empfehlen würde. Scrivener speichert die Texte eines Projekts in einem Ordner, der neben den eigentlichen Textdateien im RTF-Format auch diverse Meta-Informationen enthält. Wenn man nicht mehr mit dem Programm arbeitet, hat man daher bloß noch einen Ordner mit zahllosen Textdateien vor sich, die man für die weitere Verwendung wie ein Puzzle wieder zusammenfügen darf. Auch hier kann ich nur jedem empfehlen, sein Werk regelmäßig als einfache Textdatei abzuspeichern, damit man jederzeit den Gesamttext zur Verfügung hat. Achtet also darauf, dass die Programme eure Texte in einem möglichst einfachen Format abspeichern, damit ihr sie auch noch nutzen könnt, wenn ihr die Betriebssystemplattform wechselt oder der Hersteller des Programms aufgibt und keine Aktualisierungen des Programms mehr veröffentlicht und es damit auf den dann aktuellen Betriebssystemen nicht mehr läuft.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Notepad.

Der Anfang von Moby Dick im Texteditor Notepad.

Texteditoren, die einfachen Text verarbeiten, wird es ganz sicher auch noch in 100 Jahren geben. Wenn nicht, dann geb ich einen aus.

Plain Text hat also viele Vorteile:

  1. Für viele literarische Arbeiten ist einfacher Text völlig ausreichend.

  2. Einfacher Text kann voraussichtlich auch in 100 Jahren problemlos auf digitalen Systemen verarbeitet werden.

  3. Einfacher Text lässt sich mit jedem Texteditor bearbeiten. Man ist völlig unabhängig vom Betriebssystem oder von spezieller Software.

  4. Texteditoren sind sehr mächtige Programme, da sie zum täglichen Handwerkszeug von Programmierern gehören, die bekanntlich sehr faul sind.

  5. Plain Text verbraucht wenig Speicher.

Plain Text hat aber noch weitere Vorteile, die ich in einer künftigen Folge behandeln werde.

Übung

Damit ihr einmal seht, wie einfach es ist, mit langen Texten im Plain-Text-Format zu arbeiten, macht doch einfach einmal Folgendes.

  1. Holt euch den Text von Moby Dick

  2. Öffnet die Datei in einem Texteditor, zum Beispiel Notepad unter Windows.

  3. Ersetzt alle Vorkommen von “whale” durch “bird”.

  4. Spielt ein wenig mit der Datei, lernt den Texteditor kennen und schätzen.