Testleser machen den Unterschied

Bei meinem letzten Buch habe ich erstmals mit Testlesern gearbeitet. Das Buch wurde dank ihrer Hilfe besser.

Testleser finden

Ende September 2013 begann ich mit der Arbeit an dem IT-Buch »Softwaredokumentation mit Sphinx«. Ich setzte damals die Software seit vielen Jahren selbst ein und hatte bereits ein Seminar zu dem Thema gehalten. Die Arbeit ging zügig voran und ich kümmerte mich frühzeitig um Testleser.

Wenn ein Buch eine klar definierte Leserschaft hat, ist es relativ einfach, die richtigen Testleser zu finden. Sphinx ist eine Software zur Dokumentation von Software, die in der Programmiersprache Python geschrieben ist. Das Buch ist also in erster Linie für Entwickler gedacht, die mit Python arbeiten. Da ich mich in dieser Community seit Jahren bewege, war es nicht schwer, Testleser zu finden. Die Testleser bestanden schließlich sowohl aus Personen, die Sphinx noch nicht kannten, als auch aus Entwicklern, die bereits intensiv mit der Software arbeiteten. Dies ergab einen guten Mix aus Know-how und Neugier.

Mitte Dezember 2013 habe ich die erste Fassung des Buches an die Testleser versendet. Zusammen mit dem Manuskript habe ich eine kleine Anleitung versendet, in der ich deutlich machte, dass es nicht darum geht, Tippfehler zu finden, sondern unklare Stellen zu markieren, Nachfragen zu stellen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Knapp einen Monat später trudelten die ersten Reaktionen ein. Sie waren sehr unterschiedlich. Einige haben nur sehr sporadisch Anmerkungen im Text hinterlassen, andere dagegen haben minutiös jeden Tippfehler aufgespürt. Am hilfreichsten waren diejenigen, die am Rand Fragen und Verbesserungsvorschläge vermerkten. Dadurch ergaben sich Anstöße für sehr umfangreiche Überarbeitungen.

Da ich beim Schreiben mit einer Versionsverwaltung arbeite, habe ich einmal nachgeschaut, wie viele Änderungen ich aufgrund der Reaktionen der Testleser eingebaut habe.

Mit dem folgenden Befehl erstellte ich eine Änderungsstatistik zwischen der Version, die an die Testleser verschickt wurde, und der Version, die ich veröffentlicht habe,

$ hg diff --stat -r 9d0955a9cd3e -r d6c08992a443

Das leicht verkürzte Ergebnis dieses Befehls lautet:

  1. 84 Dateien verändert

  2. 3264 Zeilen hinzugefügt

  3. 2067 Zeilen entfernt

Die Zahl der veränderten Dateien ist schnell erklärt. Ich habe das Buch auf mehrere Dateien aufgeteilt: für jedes Kapitel eine Datei. Insgesamt sind es 34 Dateien für die einzelnen Kapitel. Hinzu kommen einige Konfigurationsdateien sowie die Dateien, in denen sich die Abbildungen befinden, die ich in dem Buch anführe. Im Klartext: Ich habe jede Datei überarbeitet.

Wenn man die Zahl der geänderten Zeilen betrachtet, muss man wissen, dass es meine Angewohnheit ist, innerhalb von Absätzen die Zeilen nicht zu umbrechen, sodass die Zeilen in Wirklichkeit Absätze darstellen. Wenn in einer Zeile etwas verändert wird, registriert die Versionsverwaltung dies als Löschen der alten Version und Hinzufügen der neuen Version. Die Zahl der hinzugefügten Absätze ist höher, als die Zahl der entfernten. Es sind also nach der Testlesung rund 1200 Absätze hinzugekommen. Das sind rund 15%.

Absätze können in ihrer Länge sehr unterschiedlich sein. Es ist möglich, dass ein Absatz aus einem Wort besteht. Entsprechend kann auch der Umfang der Änderung unterschiedlich groß sein. Ein Absatz, in dem nur ein Komma berichtigt wurde, zählt ebenso als eine geänderte (entfernte/hinzugefügte) Zeile, wie ein Absatz, der komplett umgeschrieben wurde.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie umfangreich die Überarbeitung war, muss man wissen, dass der gesamte Text aus knapp 8800 Zeilen bzw. Absätzen besteht. Ich habe also fast 40% des Textes aufgrund der Reaktion der Testleser verändert.

Die Ergebnisse lassen sich nicht verallgemeinern, da sie sich nur auf ein einziges Buchprojekt beziehen. Mein vorläufiges Fazit lautet aber: Wenn man Testleser in den Prozess der Buchproduktion mit einbezieht, wird man aufgrund ihrer Reaktion durchaus wesentliche Änderungen vornehmen. Und das ist ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass der Einsatz von Testlesern dem Buch gut getan hat. Im Feld der Sachbücher kann man sagen: Testleser machen den Unterschied zwischen einem leidlich guten Buch und einem Buch, das dem Leser wirklich nützt.