Hubzilla versus Mastodon

Zwei Netzwerke, die gegensätzlicher nicht sein könnten

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11.4.2018

Jan Ulrich Hasecke

Zusammenfassung
  • Hubzilla ist leichter zu installieren als Mastodon.
  • Hubzilla vernetzt sich mit mehr Netzwerken als Mastodon.
  • Mastodon hat eine klare und einprägsame Benutzerführung und man kann flüssig damit arbeiten.
  • Hubzilla hat viele Funktionen, die ebenso wie die verwirrende Benutzerführung den Einstieg erschweren.

In den letzten Wochen habe ich die beiden sozialen Netzwerke Hubzilla und Mastodon getestet. Dabei habe ich festgestellt, dass die beiden Netzwerke, obwohl sie so häufig in einem Atemzug genannt werden, unterschiedlicher nicht sein könnten.

Installation

Mastodon nutzt einen modernen Software-Stack, der einen entsprechend hohen Installationsaufwand nach sich zieht. Das Backend ist in Ruby on Rails programmiert, das GUI nutzt React.js. Als Datenbank kommen Redis und PostgreSQL zum Einsatz und als Volltext-Suchmmaschine Elasticsearch. Ich musste Mastodon glücklicherweise für den Test nicht selbst installieren. Das haben Kollegen von Hostsharing getan. Ich selbst würde es erst gar nicht versuchen.

Bei Hubzilla ist das anders, denn dabei handelt es sich um eine in PHP programmierte Software, die in einem normalen LAMP-Stack installiert wird. Zum Selfhosting ist Hubzilla daher weitaus eher geeignet als Mastodon.

Föderation

Mastodon unterstützt die Protokolle OStatus und ActivityPub. Letzteres wurde kürzlich vom W3C als Standard veröffentlicht.

Hubzilla hat ein eigenes Protokoll mit Namen Zot, unterstützt aber auch OStatus, ActivityPub und das Diaspora* Federation Protocol

In der folgenden Grafik sieht man, dass nur Friendica und Hubzilla mit allen anderen sozialen Netzwerken uneingeschränkt zusammenspielen.

Grafik von hoergen@horche.demkontinuum.de

Mastodon kann dagegen nicht mit Diaspora zusammenspielen.

Die Grafik suggeriert durch ihre Farbgebung, dass Mastodon besser mit Hubzilla und Friendica kommunziert als mit sich selbst. Dies ist sicher ein Irrtum. Grün bedeutet uneinschränkter, Gelb eingeschränkter und Rot kein Kommunikationsaustausch.

Hubzilla ist also im Vergleich mit Mastodon das universellere Netzwerk mit der größeren Reichweite über diverse soziale Netzwerke hinweg.

Föderationsfaktor

Hoergen, von dem ich die Grafik übernommen habe, führt den Begriff des Föderationsfaktors ein. Dieser bezeichnet das Verhältnis: Durchschnittliche Anzahl der Benutzer pro Instanz. Je größer das Verhältnis ist, um so mehr Benutzer teilen sich eine Instanz und um so größer ist die Zentralisierung des Netzwerks. Da die Administratoren der jeweiligen Instanz Zugriff auf die Daten der lokal registrierten Benutzer haben, sind große Instanzen problematisch. Große Datenmengen wecken Begehrlichkeiten. Dezentrale Netze sollten im Idealfall aus möglichst vielen, kleinen Instanzen bestehen.

Auf Hubzilla-Instanzen tummeln sich nach Hoergens Statistik durchschnittlich 15 Personen bzw. Accounts pro Instanz. Bei Mastodon sind es dagegen mehr als 500 Benutzer pro Instanz. Wenn man den Föderationsfaktor als umgekehrt proportional zum Verhältnis Benutzer/Instanz definiert, so ist der Förderationsfaktor bei Mastodon sehr klein: nämlich 1500 oder 0,002. Bei Hubzilla ist er 115 oder 0,06. Hubzilla ist damit das weitaus dezentralere Netzwerk. Ideal wäre ein Föderationsfaktor von 1,0, was einem reinen Peer-to-Peer-Netz entspräche.

Die Gründe für den niedrigen Föderationsfaktor bei Mastodon könnten in dem hohen Installationsaufwand liegen, den die Software verursacht. In aller Regel ist mindestens ein virtualisierter Server oder Docker-Technologie erforderlich. Hubzilla kann dagegen leicht auf einem preisgünstigen Shared Webspace installiert werden. Die leichte Installierbarkeit fördert offensichtlich die Dezentralität. Die Gründe könnten aber auch – wie ich weiter unten ausführen werde – woanders liegen.

Benutzerfreundlichkeit

Mastodon hat eine sehr aufgeräumte, moderne Benutzeroberfläche, die schnell und verzögerungsfrei auf Eingaben reagiert. Da sich Mastodon voll und ganz auf das Microblogging konzentriert und im Grunde das Konzept von Twitter imitiert, finden sich neue Benutzer mit Twitter-Erfahrung auf dem Dienst sehr schnell zurecht.

Es gibt mehrere Mobil-Clients für Mastodon, von denen ich Tusky selbst ausprobiert habe. Tusky hat ebenfalls eine sehr benutzerfreundliche Oberfläche. Man kann flüssig zwischen den Timelines wechseln und gut damit arbeiten. Der Erfolg, den Mastodon bisher hatte, dürfte im Wesentlichen auf die gute Benutzererfahrung zurückzuführen sein. In dieser Hinsicht hat der Entwickler bisher alles richtig gemacht.

Die vielen Funktionen von Hubzilla wirken einschüchternd auf neue Benutzer.

Die vielen Funktionen von Hubzilla wirken einschüchternd auf neue Benutzer.

Bei Hubzilla ist das leider nicht so. Das System krankt daran, dass es zu viel sein will und sich an einer stark angestaubten Benutzerführung orientiert. So ist Hubzilla nicht ein soziales Netzwerk, sondern auch ein Web Building Toolkit, ein Cloud File Storage, eine Kalenderverwaltung und vieles mehr. Wem die Standardfunktionen nicht genügen, kann seine Installation mit Plugins fluten, die alle möglichen Funktionen hinzufügen. Hubzilla tritt damit nicht nur in Konkurrenz mit anderen sozialen Microblogging-Plattformen, sondern auch mit Groupware-Lösungen und Blog-Plattformen. Hubzilla legt außerdem Wert auf ein fein granulares Rechtemanagement, das es dem Benutzer angeblich leicht machen soll, mit verschiedenen Personen unterschiedlich vertrauliche Inhalte zu teilen. Ich habe allerdings schon nach wenigen Stunden den Überblick verloren, was ich mit wem zu welchen Bedingungen geteilt habe.

Der Sinn und Zweck von einigen Funktionen hat sich mir nicht erschlossen. Ich hatte immer wieder den Eindruck, mir mit Try-and-Error das Netzwerk erschließen zu müssen. Wem Hubzilla in der Grundausstattung noch nicht unübersichtlich genug ist – das auf Bootstrap basierende Webdesign wirkt auf mich verunsichernd – , kann Hubzilla mit individuellen Themes verschönern oder noch schwerer benutzbar machen – je nachdem, wie man es sieht. Die Möglichkeit, seiner Hubzilla-Installation ein individuelles Aussehen zu geben, mag auf den ersten Blick verlockend erscheinen, spätestens auf fremden Instanzen, wenn man einem völlig anderen Theme entgegenblickt, wird man feststellen, dass ein einheitliches Benutzer-Interface doch erheblich bei der Orientierung helfen würde.

Diese Liste von Links soll neuen Mitgliedern helfen, sich zurechtzufinden.

Diese Liste von Links soll neuen Mitgliedern helfen, sich zurechtzufinden.

Die Standardantwort auf eine solche Kritik lautet, dass man ja nicht alle Funktionen aktivieren muss und mit einem geringeren Funktionsumfang die Benutzung von Hubzilla erleichtern könnte. Dieses Argument übersieht, dass auch Facebook einen ähnlich großen Funktionsumfang besitzt, aber ein deutlich integrierteres Aussehen hat. Hubzilla braucht meines Erachtens mehr Investitionen in die Benutzerführung, eine echte UX-Offensive. Es wäre wünschenswert, wenn es zukünftig von staatlicher Seite eine größere Förderungsbereitschaft gäbe, damit Projekte wie Hubzilla sich neu aufstellen können. Der Prototypfund in Deutschland war ein guter Anfang. Wir brauchen mehr davon!

Leider ist das Arbeiten mit Hubzilla nicht so flüssig wie bei Mastodon. Die Navigation reagiert schwerfälliger, vermutlich weil bei vielen Aktionen neue HTTP-Requests ausgeführt werden oder die Datenbank im Hintergrund langsamer reagiert.

Fazit

Wenn man genau hinschaut, verfolgen Hubzilla und Mastodon völlig andere Nutzungskonzepte. Mastodon löst das Problem Microblogging mit einem komplexen und professionellen Software-Stack sowie einer modernen und klaren Benutzerführung. Das System skaliert und ermöglicht Instanzen mit vielen Tausend Benutzern. Hubzilla will diverse Aufgaben auf einmal lösen und verzettelt sich dabei. Die Benutzerführung ist nicht immer intuitiv und verunsichert Einsteiger. Das grafische Konzept wirkt angestaubt. Aufgrund von Plugins und individuellen Themes läuft das Netzwerk zudem optisch auseinander; man fragt sich oft, ob man sich noch auf dem gemeinsamen Netzwerk bewegt oder schon außerhalb in fremden Gefilden. Die Hürden für Einsteiger sind bei Hubzilla sehr viel höher als bei Mastodon. Das dürft auch der Grund dafür sein, dass Mastodon-Instanzen schneller Zulauf bekommen als Hubzilla-Instanzen und damit schneller wachsen.

Der Grund für den hohen Föderationsfaktor von Hubzilla, der ja wünschenswert ist, hat seine Ursache sicher nicht nur in der leichten Installation, sondern auch in der schlechten Benutzerführung. Wer sich die Mühe macht, Hubzilla selbst zu hosten, hat vielleicht auch die Energie, sich in das Konzept einzuarbeiten. Auf Einsteiger, die gleich loslegen wollen, wirkt Hubzilla nicht sehr einladend.

Wer die Abstriche bei der Benutzerfreundlichkeit hinnimmt und seine Botschaften über das ganze Fediverse verteilen möchte, ist mit Hubzilla gut bedient. Für alle anderen ist Mastodon vermutlich das intuitivere Netzwerk.

Mittelfristig rechne ich allerdings mit einer grundlegenden Veränderung des Fediverse. Mit dem W3C-Standard ActivityPub steht erstmals ein einheitliches Protokoll zur Verfügung. Ich glaube, dass es die anderen Protokolle nach und nach verdrängen wird. In Zukunft werden nicht nur Microbloggin-Plattformen das ActivityPub-Protokoll unterstützen und damit ins Fediverse hineinwachsen. Auch Video-, Code-Hosting-Plattformen, Messenger-Dienste oder ganz normale Websites werden in Zukunft einen ActivityPub-Stream generieren. Die unterschiedlichsten Webservices werden ActivityPub implementieren, sodass wir das Fediverse bereits in wenigen Jahren nicht wiedererkennen werden.