Tiny Tiny RSS & Shaarli

Feedreader, Bookmarking und ein Doppelgänger

Als ich nach Münster fuhr, um mir die Skulptur Projekte anzuschauen, wollte ich auf Diaspora über meine Eindrücke bloggen. Aber Dandelion* meinte, meine Bilder seien zu groß. Aus meiner Reportage wurde nichts. Ich ließ es bei drei Posts bewenden und konzentrierte mich auf die Kunst vor Ort. Gerne hätte ich das Titelbild dieses Artikels gepostet, das einen Teil der Skulptur »Sketch for a Fountain« von Nicole Eisenman zeigt. Aber die Technik stand meiner Kreativität im Wege. Wer weiß, wozu es gut ist. Meine Kontakte in Diaspora werden nicht mit Betrachtungen zur Kunst gelangweilt und etwaige Abmahnanwälte haben weniger Gelegenheit, mich wegen ersponnener Urheberrechtsverletzungen – Panoramafreiheit hin oder her – wie eine Weihnachtsgans auszunehmen.

Ich sehe schon. Diese Einleitung erfüllt ihren Zweck nicht. Anstatt in das Thema einzuführen, leitet sie uns immer weiter von ihm fort. Und doch wir sind mitten drin. Technik, Kreativität und Paragraphenreiterei sind untrennbar miteinander verbunden. Technik und Recht können unsere Kreativität fördern, indem ersteres uns Mittel an die Hand gibt, uns auszudrücken, und letzteres den freien Ausdruck unserer Kreativität als ›Freiheit der Kunst‹ schützt. Andererseits erstickt unsere Kreativität an falscher Technik und vergifteten Gesetzen. Technik und Recht sind immer auch Herrschaftsinstrumente, die unsere Kreativität so lenken, dass sie den Interessen der Herrschenden nicht in die Quere kommt. Sie tun das so geschickt, dass wir es kaum merken, ja fast das Gegenteil glauben und meinen, nie habe es größere Freiheiten gegeben als heute. Plattformen wie Facebook oder Twitter eröffneten uns ein neues, scheinbar kaum reglementiertes Spielfeld. Das Spielfeld wuchs mit der Plattform, sodass wir erst viel zu spät bemerkten, dass es nahezu den gesamten Freiraum des Netzes besetzte und alle anderen Spielfelder negierte. Facebook und Twitter sind die Negation einer unbegrenzten Anzahl von Kommunikationsmöglichkeiten, die uns das Netz einst eröffnete. Plattformen sind Infrastrukturprojekte, die nicht einfach verschwinden, wenn man die Augen schließt und sich mit ohnmächtiger Phantasie eine freie, unzerstörte und wegelose Landschaft erträumt. Natürlich ist es möglich, auszusteigen, doch dies bedeutet, Autobahnen zu Fuß zu überqueren. Ein tödliches Unterfangen. Die wiedergewonnene Freiheit, die wir bei mobiler Infrastrukter mit dem Leben bezahlten, kostet uns im Netz Reichweite und Einfluss. Wer Twitter und Facebook verlässt, verschwindet.

Ein Leibgeber muss her

Doch es gibt einen Ausweg. Wir können uns in der digitalen Welt, wovon Jean Paul vergeblich träumte, einen Doppelgänger schaffen und ein zweites Leben führen. Das Instrumentarium für die Selbstentzweiung ist schnell aufgezählt. Es sind kleine Skripte, gerne auch Bots genannt, die unsere Aktivitäten abseits der tödlichen Infrastruktur in diese hineinspiegeln und den dort verbliebenen Bots und Menschen vorgaukeln, wir seien noch anwesend. Doch beginnen wir – mittendrin, wie es auch Jean Paul gerne tat – die Geschichte an ihrem Anfang.

Seitdem ich Mitglied der Hostsharing Genossenschaft bin, werde ich in Bezug auf die Techniken, die ich nutze, mutiger, denn ich kann mich an einfache Best-Practices halten, die im Falle eines Bugs den Schaden begrenzen. Als ich noch meinen eigenen Rootserver betrieb, habe ich aus Angst vor Fehlerquellen einen weiten Bogen um PHP-Software gemacht. Sie war mir viel zu unsicher. Dabei gibt es durchaus interessante Lösungen in dieser Programmiersprache. Als ich mir vor einigen Monaten auf einem Raspberry Pi eine Freedombox installierte, lernte ich Shaarli und Tiny Tiny RSS kennen. Letzteres ist ein Feedreader, ersteres ein Bookmarking-Tool ähnlich wie Delicious. Wenn man beide Tools kombiniert, erhält man ein Werkzeug, das uns erstens über interessante Webseiten auf dem Laufenden hält und uns zweitens die Möglichkeit gibt, besonders interessante Links mit anderen zu teilen. Beides ist eine der Funktionen, die Twitter erfüllt. Dort werden wir durch andere Nutzer und Bots auf interessante Seiten aufmerksam gemacht und können Links mit anderen teilen. Natürlich ist Twitter noch viel mehr. Doch dieses Mehr kann auch von Übel sein. Ich selbst neige beispielsweise dazu, Belanglosigkeiten zu twittern, wobei ich hier nicht diskutieren möchte, ob es nicht viel mehr so ist, dass Twitter aus jedem Tweet eine Belanglosigkeit macht. Von Fäkalstürmen, die jeden Besonnenen sofort vertreiben, will ich erst gar nicht reden, wobei es durchaus sein kann, das Twitter selbst aus dem besonnensten Menschen über kurz oder lang einen Shitstormer macht.

Die Installation von Tiny Tiny RSS und Shaarli auf der Hostsharing-Plattform war schnell erledigt. Und so lese ich seit einiger Zeit einen privaten Feedreader, der mich über Aktuelles auf dem Laufenden hält. Jederzeit kann ich den Reader durch die Integration neuer Feeds noch besser auf meine Bedürfnisse abstimmen. Leider scheint die Nutzung von RSS abzunehmen. Es gibt Blogs, deren Feed kaputt ist, und Betreiber, die kein Interesse haben, dies zu beheben. Aber professionellere Websites haben meistens einen oder mehrere funktionierende Feeds. Links zu Artikeln, die mich wirklich interessieren, die ich also möglicherweise ein zweites Mal lesen möchte, speichere ich online mit Shaarli. Wer Interesse an meinen Vorlieben hat, kann auf https://shaarli.hasecke.eu RSS-Feeds von meinen Bookmarks abonnieren. Ich sortiere die Links thematisch durch Tags, für die Shaarli eigene RSS-Feeds generiert. Zur Übersicht gibt es auch eine Tagcloud, die alle Tags aufzählt.

Leider gibt es keine sehr lebendige RSS-Kultur mehr. Sie wurde von Facebook und Twitter erstickt. Und da kommt endlich Siebenkäses Leibgeber ins Spiel. Jede Stunde posten Skripts meine Shaarli-Links auf meine Accounts bei GNU Social und Mastodon. Ich benutze dafür feed2omb und feed2toot. GNU Social postet die Links dann weiter auf Twitter. In Diaspora gibt es noch keinen Doppelgänger von mir. Dort poste ich selbst.

Der Ehe entronnen

Nach der Installation der Programme änderte sich mein Verhalten auf Twitter. Ich poste weniger, an guten Tagen nur noch die Links, die ich auf Shaarli abgelegt habe. Ob die Relevanz meiner Beiträge dadurch steigt, will ich nicht beurteilen. Momentan ist die Twitter-Statistik noch positiv. Ich gewinne Follower, die Erwähnungen steigen, es gibt mehr Profilbesuche und mehr Tweet-Impressionen. Leider kann ich mir aber viele direkte Tweets immer noch nicht verkneifen. So ganz bin ich der Zwitscher-Ehe doch noch nicht entronnen.

Geht da noch mehr?

Im Netz wird viel von den dezentralen Alternativen der monopolistischen Plattformen geredet. Aber sind diese Alternativen nicht Kinder des gleichen Geistes? Sie hegen uns ein wie ihre Vorbilder. Sie ahmen den jeweiligen Hegemon nach und wollen ihm so ähnlich wie möglich werden. Sie bieten unserer Kreativität keine neue Freiheit. Sie eröffnen kein neues Spielfeld und werden ihre Vorbilder deshalb auch nie ersetzen.

Ich glaube, dass die Potenziale von RSS noch nicht ausgeschöpft sind. Die kritische Masse an aktiven Benutzern vorausgesetzt, könnte aus Shaarli, Tiny Tiny RSS und anderen RSS-Werkzeugen ein dezentrales, plattformloses Geflecht aus Verweisen, ein kommunikatives Rhizom entstehen.