Was ist Netzliteratur?

Mein Definitionsversuch von 1998

1.1.1998

Jan Ulrich Hasecke

Netzliteratur muß in erster Linie Literatur sein, will sie nicht nichts sein. Dies ist kein Wortspiel, weder im ersten Halbsatz, noch im zweiten. Sobald wir von Literatur im und durch das Netz sprechen können, und nicht von Netzkunst im allgemeinen, wird diese Netzliteratur Literatur sein und als solche von der Kontinuität der Sprache und des Mythos geprägt sein.

Die fast bruchlose Kontinuität von Sprache und Mythos ist so selbstverständlich, daß wir uns dieses Phänomen immer wieder bewußt vor Augen führen müssen, um das Erstaunliche darin zu erkennen. Die historische Stringenz in Sprache, Plot, mythisch-psychologischer Situation und Erzählstil ermöglicht es uns heute, ohne große Anstrengung den Gilgamesch-Epos, die Ilias, die Pindarschen Hymnen, den Simplicissimus, den Aristipp von Wieland, Hölderin, Döblin, Joyce oder Grass zu lesen - und zu verstehen. Diese Reihe von Werken und Dichtern kann beliebig erweitert werden. Mythen, Epen, Märchen aus allen Herren Ländern, egal in welchem Jahrhundert und in welcher Sprache sie ursprünglich geschrieben wurden, bilden zusammen den großen unerschöpflichen Fundus an Erzählungen, aus dem wir noch heute schöpfen, wenn wir Literatur schaffen. Und aus diesem Reservoir muß sich auch die Netzliteratur speisen, will sie Literatur sein. Denn bevor sie Netzliteratur sein kann, muß sie zunächst Literatur sein.

Netzliteratur entsteht nicht, wenn man die technischen und kommunikativen Mittel des Internets benutzt, man muß sie “literarisch-künstlerisch” benutzen, wobei die Betonung auf dem Begriff “literarisch” in der oben beschriebenen Definition liegt. Technisch-kommunikative Experimente erzeugen keine Literatur, wenn ihnen das Literarische fehlt. “Literarische” Experimente, die den sprachlich-mythologischen Fundus, der allen Menschen gemein ist, bewußt links liegen gelassen haben, waren alle von bemerkenswerter Wirkungslosigkeit, weil sie das mächtigste Werkzeug aus der Hand gegeben haben, den anthropologischen Schlüssel zu unserem Bewußtsein und zu unserem Unterbewußtsein. Man könnte auch sagen, sie erreichen unseren Geist und unsere Seele nicht mehr, weil sie als bloß intellektuelle Konstrukte zu schwach sind, um unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse zu wecken, geschweige denn zu fesseln.

Und genau diesen Irrweg schlagen viele ein. Sie glauben, die Nutzung neuer Techniken allein genüge, um Literatur zu schaffen. Ein Experiment aber, das sich von den Triebkräften der Literatur abwendet, wird immer Experiment bleiben. Es ist keine Netzliteratur, weil es keine Literatur ist.

Hyper-multi-cyber - kleiner technischer Exkurs

Dennoch sind die Techniken nicht unwichtig. Netzliteratur ist aufgrund der Vielfalt der technischen Mittel im Kommunikationszeitalter ein weiter Begriff. Das liegt nicht an der Unfähigkeit derjenigen, die sich um Definitionen bemühen. Netzliteratur ist ein vielgestaltiges Gebilde. Aber nur vordergründig betrachtet, sind es besonders die verschiedenen neuen technischen Möglichkeiten, die das literarische Angebot im Netz so bunt und reichhaltig erscheinen lassen. Der Versuch, ausgehend von diesen Techniken, den Begriff “Netzliteratur” zu definieren, müssen daher scheitern, weil sich bei genauerem Hinsehen viele dieser Techniken als wenig originär erweisen und daher nicht als spezifisches Kriterium für Netzliteratur fungieren können. So existieren z.B. Hypertexte und multimediale Texte vor und unabhängig vom Internet.

Daneben hat man den Eindruck, daß viele künstlerische Techniken die physikalischen Netztechniken noch völlig überfordern. Speicherintensive multimediale Kunstwerke können im Internet wegen der relativ niedrigen Bandbreite der Übertragungswege entweder gar nicht oder nur mit Mühen rezipiert werden. Dennoch ist der Tag absehbar, an dem auch die Übertragung von ganzen Spielfilmen über das Internet möglich sein wird. Für unsere Definition heißt das: Die Netzliteratur wird in Zukunft noch multimedialer werden. Hypertextuelle und multimediale Techniken werden die Netzliteratur in den nächsten Jahren in starkem Maße beeinflussen. Das heißt aber nichts anderes, als daß die Netzliteratur von künstlerischen Techniken profitieren wird, die heute schon auf CDROM funktionieren und eben nicht als originäre Netztechniken anzusehen sind, will man den Definitionsversuchen in der Mailingliste folgen. Wird also die technische Entwicklung zu einer Entfremdung der Netzliteratur führen? Wird sich die Netzliteratur mit dem TV-Film vermischen. Denn auf der anderen Seite kommen schon heute viele Filme ohne Computeranimation nicht mehr aus. Wird hier zusammenwuchern, was zusammengehört?

Die Rückkehr der Erzähler

Als sehr wahrscheinlich erscheint mir, daß die absehbare, technische Entwicklung des Internets die Netzliteratur in eine ganz spezifische, literarische Richtung drängen wird. Die exponentiale Beschleunigung der Übertragungszeiten im Internet wird dazu führen, daß narrative Texte wieder ein größeres Gewicht bekommen werden. So wie Film und Fernsehen, die großen Kunstformen des 20. Jahrhunderts, von der Narration beherrscht wurden und werden, wird auch die Netzliteratur zukünftig narrativ sein. Die literarische Kurzform, die zur Zeit, aufgrund technischer Mängel, einen großen Teil der Netzliteratur ausmacht, wird dagegen an Bedeutung verlieren und, wie im heutigen Literaturmarkt, ein Nischendasein fristen. Ob dabei allerdings eine technisch ausgeprägte Netzliteratur neue narrative Strategien entwickeln wird, ist noch nicht absehbar. Ich habe da ernste Zweifel, da narrative Strukturen weniger von den Möglichkeiten der Technik als vielmehr von den Konventionen der Rezeption abhängig sind, und grundlegende narrative Strukturen, wie oben schon gesagt, in der Literaturgeschichte eine geradezu äonenhafte Kontinuität aufweisen.

Es werden also Internet-Erzähler kommen und uns mit den Mitteln des Netzes die alten Lieder singen, von Liebe, Ehrgeiz, Verrat und Tod, so wie der Sänger des Nibelungenliedes, so wie der Drehbuchautor einer kitschigen Seifenoper. Die Literaturindustrie wird das neue Medium so nutzen, daß ein maximaler Gewinn ermöglicht wird. Sie wird versuchen, den breiten Publikumsgeschmack mit multimedial runderneuerten, im Kern aber völlig konventionellen Erzählungen zu befriedigen, um das ganz große Geschäft zu machen. Und was bleibet, stiften die Dichter. Allein, wo sind sie geblieben?

Kommunikation und Öffentlichkeit

Das Internet als Medium für Literatur zeichnet sich durch einen hohen Grad an Kommunikation und eine noch nie dagewesene demokratische Öffentlichkeit aus.

Die kommunikativen Möglichkeiten des Internets haben die Tendenz, überkommene Hierarchien aufzubrechen. Jeder kann mit jedem kommunizieren, der traditionelle Postweg muß nicht eingehalten werden. Ich kann, wenn z.B. ein Computerprogramm nicht funktioniert, mich direkt an die Supportabteilung des Herstellers wenden und bekomme in kürzester Zeit eine kompetente Antwort. Diese “Dienstleistungsorientierung”, hervorgerufen durch die direkte und schnelle Kommunikation, wird sämtliche Entwicklungen im Internet beeinflussen - auch die Entwicklung der Netzliteratur.

Die Öffentlichkeit im Internet ist in weiten Teilen basisdemokratisch organisiert. Nicht ohne Grund werden Newsgruppen auch Foren genannt, weil es in ihnen zugeht wie auf dem republikanischen Forum Romanum oder der Agora in Athen: frei und ungezwungen kann jeder seine Meinung äußern, ohne auf ein Amt oder ein auflagenstarkes Medium angewiesen zu sein. Insofern unterscheidet sich das Internet auch grundsätzlich von den Massenmedien des 20. Jahrhunderts, die Wenigen eine große Macht über die Meinung Vieler gab. Eine Katharina Blum des Internets ist ebenso schwer vorstellbar wie eine faschistische Gleichschaltung der Internetgemeinde. Selbst Bill Gates ist kein William Randolph Hearst, kein Charles Foster Kane, obwohl sein Imperium das von Hearst weit in den Schatten stellt.

Ein weites Feld verteidigen

Der Literat als Dienstleister? Eine Vorstellung, an die man sich nur schwer gewöhnt. Außerhalb des Internets ist diese Konzeption jedoch schon lange Realität, denn was sind die fließbandähnlich produzierten, anglo-amerikanischen Bestseller anderes als eine Dienstleistung am Verbraucher? Und wenn wir uns fragen, welche Bedürfnisse diese Werke eigentlich bedienen, so schließt sich der Kreis: sie appellieren an die sprachlich-mythologischen Grundinstinkte, die seit Jahrtausenden die Literatur prägen. Ganz falsch wäre es nun, in der Pose des Rebellen, das Feld zu räumen und sich in die intellektuelle Nische des Experiments zurückzuziehen. Denn daß zwischen dem geplanten Bestseller und dem schwachbrüstigen Experiment noch ein weites Feld für anspruchsvolle und wirkungsmächtige Literatur liegt, ist ein Anspruch, den es zu verteidigen gilt, und vielleicht sind es die Freiheiten des Internets, die uns die Waffen an die Hand geben, mit denen wir dieses weite Feld vor dem Einbruch des Mittelmaßes verteidigen können.