Als wenn ich mir das Rauchen abgewöhnen wollte

Während des Studiums habe ich geraucht. Als ich mir dieses Laster dann abgewöhnen wollte, entwickelte ich eine eigenwillige Taktik. Ich kaufte mir nicht mehr meine Lieblingsmarke, sondern rauchte alles Mögliche durcheinander: Billigfluppen, Selbstgedrehte, Zigarillos, Pfeife. Das Ziel war, wie man unschwer erkennt, das Abgewöhnen einer unangenehmen Gewohnheit durch promiskuitive Beliebigkeit.

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1.8.2017

Jan Ulrich Hasecke

Im Moment ertappe ich mich bei einer ganz ähnlichen Handlungsweise. Ich probiere alle möglichen sozialen Netze aus, um von Twitter loszukommen. Seit ein paar Jahren habe ich ein Diaspora-Konto, wo ich mittlerweile fast eben so viele Kontakte habe, wie auf Twitter. Die Qualität der Interaktion ist auf Diaspora meist deutlich höher als auf Twitter. Vor einigen Tagen habe ich dann noch ein Mastodon- und ein GNU-Social-Konto eröffnet. Vordergründig tat ich das nicht, um mir die sozialen Netze abzugewöhnen. Ganz im Gegenteil! In der Hostsharing eG, in der ich Genosse bin, gibt es Überlegungen, ein soziales Netzwerk für die Mitglieder zu installieren und ich möchte die gängigen Netzwerke ausprobieren, um in der Diskussion mitreden zu können. Deshalb verlinke ich die Konten hier auch nicht, da sie in ein paar Wochen vermutlich wieder geschlossen werden.

Mehrere Konten auf verschiedenen Netzwerken werden schnell lästig. Mir vergeht allmählich die Lust, mich auf Twitter & Co. über den Weltenlauf zu entrüsten. Stattdessen wende ich mich wieder dem Bloggen zu und missbrauche die sozialen Netzwerke als Linkschleuder. Das könnte sich wieder ändern, wenn es eine genossenschaftliche Microblogging-Plattform gibt. Dann müsste ich meine Tweets, Toots und Queets nicht auf den Servern anderer Leute veröffentlichen, sondern auf einer wirklich gemeinschaftlichen Plattform. Organisationsfragen interessieren mich mehr als technische. Die echten P2P-Netzwerke, wie Twister, Retroshare und ZeroNet, über die ich hier schon gebloggt habe, konnten mich nicht wirklich überzeugen. Wir brauchen neue Organisationsformen im Netz.

Was sind nun meine Eindrücke von den drei Netzwerken Diaspora, GNU Social und Mastodon?

GNU Social scheint das vernetzungsfreudigste Netzwerk zu sein. Man kann nicht nur Leuten auf GNU Social, sondern auch auf Diaspora und Mastodon folgen, wobei die Föderation nicht wirklich perfekt funktioniert. Sogar innerhalb des GNU Social Netzes sehe ich nicht immer die Nachrichten von anderen Instanzen. Außerdem sieht GNU Social altbacken aus.

Diaspora hat ein perfekt funktionierendes Föderationsprotokoll. Ich habe keine Probleme, die Nachrichten von Leuten auf anderen Pods zu lesen. Allerdings bin ich auch auf einem sehr großen Pod; auf kleineren kann das anders aussehen. Die Funktionalität von Diaspora fördert die Interaktion. Es entspinnen sich häufig längere Diskussionen, da es keine Zeichenbeschränkung zu geben scheint. Die Diversität auf Diaspora, was die Herkunft und die Interessen der Nutzer angeht, erscheint mir auf Diaspora höher zu sein als auf GNU Social. Es wurde lange als Alternative zu Facebook beworben und hat vielleicht deshalb nicht nur ›Nerds‹ angezogen. Diaspora hat eine saubere und zeitgemäße Oberfläche, die flüssig funktioniert.

Mastodon ist das jüngste Netzwerk und sieht deshalb am modernsten aus. Der Coolness-Faktor ist hoch. Das User-Interface ist flüssig und schnell. Allerdings bin ich auf einer Instanz mit sehr wenigen Mitgliedern, sodass die Schnelligkeit vielleicht täuscht. Leider fühlt man sich auf einer solchen Instanz, die zudem auch noch neu aufgesetzt wurde, etwas einsam, da die Föderation noch nicht richtig flutscht. Das ändert sich aber vielleicht mit der Zeit.

So ganz glücklich bin ich mit keinem dieser Netzwerke, denn es sind alles kleine Inseln. Die Masse bleibt bei Facebook, Twitter & Co., auch wenn die Nutzer immer wieder jammern, dass sie dort bevormundet und ausspioniert werden.

Die Frage, die man sich wirklich einmal stellen sollte, lautet: Was will ich überhaupt in einem sozialen Netzwerk? Vielleicht sollte man sich das Abgewöhnen – wie das Rauchen.

Mit dem Rauchen habe ich damals übrigens einfach von heute auf morgen aufgehört.

Update 2017-08-12T15:05:51+02:00

Nach zwei Wochen Vergleich ist die Sache entschieden. Mastodon ist für mich irrelevant. GNU Social könnte man zur Not als Linkschleuder und Gateway zu Twitter nutzen.

Das einzige Netzwerk mit interessanten Nutzern ist Diaspora. Diaspora fördert den Dialog und ist problemlos als Blog-Ersatz nutzbar.

Das Bild zeigt das Denkmal von William Heerlein Lindley in Warschau, der die öffentliche Wasserversorgung der polnischen Hauptstadt konstruierte. Mehr öffentliche und weniger private Netze, das könnten wir auch im Internet gebrauchen.